Berührende
Geschichte Nummer 1
„Dann
können wir von dort doch fliehen, nicht, Mama?“ Istvan Orkeny erzählt in der
Kurzgeschichte „Zu Hause“, was ein Mädchen empfindet. Und dabei verändert
Orkeny die geistige Perspektive seiner Leser/innen, unseren Blickwinkel auf
wichtige Fragen unseres Lebens.
Für uns ist
doch Heimat oder zu Hause etwas, womit wir Wohlbefinden, Geborgenheit,
Sicherheit verbinden. Da, wo wir zu Hause sind, wollen wir bleiben. Oder nicht?
Für das Mädchen, das erst vier Jahre alt ist, ist es anders. Es fragt ganz
genau nach, ob man von da, wo man zu Hause ist, jederzeit auch fliehen kann. Es
fragt nämlich, ob es dort wohl keine Wächter gibt, wie es sie in der
derzeitigen Situation etwa erlebt.
Für das
Mädchen zählen nicht die Teddys, die Puppen, das Haus, sondern die Freiheit von
Grenzzäunen und die Abwesenheit von Bewachern. Es möchte von zu Hause fliehen
können. Das ist sein Begriff von Freiheit. Diese Freiheit ist eine
Selbstverständlichkeit für uns, aber für viele Menschenkinder auf der Welt
nicht! Afrika, Asien, Amerika, Europa – überall ist Heimat, aus der man fliehen
können muss.
Berührende
Geschichte Nummer 2
Peter
Altenberg erzählt eine Geschichte, die in einem Park spielt. Das Kind eines
reichen Paares will einen Ballon und bekommt ihn. Als es den Ballon in Händen
hält, will es den Ballon fliegen lassen. Die Eltern appellieren an das soziale
Gewissen des Kindes. „Willst du den Ballon nicht dem armen Kind geben?“ Nein,
will das Kind nicht, es will den Ballon fliegen lassen. Der Ballon fliegt. Das
Kind will einen neuen Ballon. Die Eltern wollen das Kind wieder überreden, den
Ballon dem armen Kind zu geben. Der zweite Ballon fliegt. Der dritte Ballon
schließlich wird dem armen Kind gegeben. „Lass ihn aus!“ schlägt das Kind der reichen
Eltern dem armen Kind vor. Das arme Kind lässt den Ballon nicht fliegen, der
Ballon bleibt im Haus des Kindes an der Decke und verschrumpelt nach einigen
Tagen. Das arme Kind denkt sich, dass es den Ballon doch hätte fliegen lassen
sollen.
Durch diese
Geschichte weist Peter Altenberg auf die soziale Komponente kindlichen
Empfindens hin, d. h. wie Armut die kindliche Kreativität und Freude behindern.
Das Kind reicher Eltern kann sich daran erfreuen, dass es 30 Ballons bekommt,
wobei es 20 fliegen lässt und 10 verschenkt. Das arme Kind bewahrt seinen
einzigen Ballon voller Sorgfalt auf, bis er schließlich vom Plafond „tot
herab(fällt) wie ein Säckchen“. Das arme Mädchen konnte seine Träume nicht
verwirklichen, sondern meint resigniert: „Ich hätte ihn auslassen sollen, in
den blauen Himmel…“
Die Freude
am Loslassen kennt das arme Kind nicht, das reiche Kind schon. Nur das reiche
Kind kennt die Schönheit der Großzügigkeit, ist frei von kleinlichem Bewahren
und dem Gedanken daran, dass es sparen müsste. Die sozialen Unterschiede von
kindlicher Freude werden durch diese Geschichte eindringlich bewusst gemacht.
(Beide
Geschichten sind im Buch „Ruckzuck“, Diogenes Verlag, 2008, veröffentlicht
worden, Istvan Orkeny, Zu Hause, Seite 160, Peter Altenberg, Im Volksgarten,
Seite 83f)

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