25.5.14

Berührende Geschichten

Berührende Geschichte Nummer 1
„Dann können wir von dort doch fliehen, nicht, Mama?“ Istvan Orkeny erzählt in der Kurzgeschichte „Zu Hause“, was ein Mädchen empfindet. Und dabei verändert Orkeny die geistige Perspektive seiner Leser/innen, unseren Blickwinkel auf wichtige Fragen unseres Lebens.
Für uns ist doch Heimat oder zu Hause etwas, womit wir Wohlbefinden, Geborgenheit, Sicherheit verbinden. Da, wo wir zu Hause sind, wollen wir bleiben. Oder nicht? Für das Mädchen, das erst vier Jahre alt ist, ist es anders. Es fragt ganz genau nach, ob man von da, wo man zu Hause ist, jederzeit auch fliehen kann. Es fragt nämlich, ob es dort wohl keine Wächter gibt, wie es sie in der derzeitigen Situation etwa erlebt.
Für das Mädchen zählen nicht die Teddys, die Puppen, das Haus, sondern die Freiheit von Grenzzäunen und die Abwesenheit von Bewachern. Es möchte von zu Hause fliehen können. Das ist sein Begriff von Freiheit. Diese Freiheit ist eine Selbstverständlichkeit für uns, aber für viele Menschenkinder auf der Welt nicht! Afrika, Asien, Amerika, Europa – überall ist Heimat, aus der man fliehen können muss.


Berührende Geschichte Nummer 2
Peter Altenberg erzählt eine Geschichte, die in einem Park spielt. Das Kind eines reichen Paares will einen Ballon und bekommt ihn. Als es den Ballon in Händen hält, will es den Ballon fliegen lassen. Die Eltern appellieren an das soziale Gewissen des Kindes. „Willst du den Ballon nicht dem armen Kind geben?“ Nein, will das Kind nicht, es will den Ballon fliegen lassen. Der Ballon fliegt. Das Kind will einen neuen Ballon. Die Eltern wollen das Kind wieder überreden, den Ballon dem armen Kind zu geben. Der zweite Ballon fliegt. Der dritte Ballon schließlich wird dem armen Kind gegeben. „Lass ihn aus!“ schlägt das Kind der reichen Eltern dem armen Kind vor. Das arme Kind lässt den Ballon nicht fliegen, der Ballon bleibt im Haus des Kindes an der Decke und verschrumpelt nach einigen Tagen. Das arme Kind denkt sich, dass es den Ballon doch hätte fliegen lassen sollen.
Durch diese Geschichte weist Peter Altenberg auf die soziale Komponente kindlichen Empfindens hin, d. h. wie Armut die kindliche Kreativität und Freude behindern. Das Kind reicher Eltern kann sich daran erfreuen, dass es 30 Ballons bekommt, wobei es 20 fliegen lässt und 10 verschenkt. Das arme Kind bewahrt seinen einzigen Ballon voller Sorgfalt auf, bis er schließlich vom Plafond „tot herab(fällt) wie ein Säckchen“. Das arme Mädchen konnte seine Träume nicht verwirklichen, sondern meint resigniert: „Ich hätte ihn auslassen sollen, in den blauen Himmel…“
Die Freude am Loslassen kennt das arme Kind nicht, das reiche Kind schon. Nur das reiche Kind kennt die Schönheit der Großzügigkeit, ist frei von kleinlichem Bewahren und dem Gedanken daran, dass es sparen müsste. Die sozialen Unterschiede von kindlicher Freude werden durch diese Geschichte eindringlich bewusst gemacht.


(Beide Geschichten sind im Buch „Ruckzuck“, Diogenes Verlag, 2008, veröffentlicht worden, Istvan Orkeny, Zu Hause, Seite 160, Peter Altenberg, Im Volksgarten, Seite 83f)

Keine Kommentare: